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Vom Objekt zur Intervention
Das Verständnis von Kunst verändert sich nur sehr langsam. Schon vor
hundert Jahren ist ihr Werkcharakter in Frage gestellt worde. Seither versuchen
Künstlerinnen und Künstler, Aufgaben zu übernehmen, die weit über
das Herstellen von Objekten hinausgehen.
Immer wieder und jetzt schon lange kommt die Forderung, Kunst möge nicht
mehr in eigens dafür ausgewiesenen Räumen verehrt werden, sie möge
keine parallele Quasiwelt bilden und nicht so tun, als könne sie aus sich
und für sich existieren. Sie möge sich mit der Realität auseinandersetzen,
die politischen Verhältnisse aufgreifen und Vorschläge zur Verbesserung
des Zusammenlebens ausarbeiten. Unkonventionelle Ideen, Innovationsgeist und Energien,
die jahrhundertelang im formalen Glasperlenspiel aufgegangen waren, könnten
so zur Lösung realer Probleme beitragen.
Jetzt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, greifen die Forderungen langsam. Die formalästhetischen
Auseinandersetzungen sind ausgereizt, die selbstreferentiellen Überschläge
sind inflationär geworden, und die Verehrung des Genialen ist anderen Qualitäten
gewichen. Damit einher allerdings ist eine grundsätzliche Diskussion um die
Funktionen von Kunst aufgebrochen: Wer macht in der Kunst was wofür?
Kunst kann viele Aufgaben übernehmen. Seitenweise, wie Stilrichtungen, lassen
sich die verschiedenen Funktionen auflisten: Kunst kann ihre Auftraggeber und
Produzenten repräsentieren, sie kann Identitäten stiften und pflegen,
sie kann den snobistischen Hunger nach Wissen und Besitz stillen. Kunst kann die
Freizeit gelangweilter Massen auffetten, sie kann als finanzielles Spekulationsobjekt
dienen, sie kann Gefühle übermitteln und das Herz im Leibe vibrieren
lassen. Zudem greifen viele Funktionen auch noch ineinander. Der abstrakte Expressionismus
diente den Amerikanern im kalten Krieg als politisches Instrument der Kulturalisation
genauso wie dem spirituellen Ausdrucksbedürfnis der jungen Maler, die ihn
schufen.
Eine der Funktionen von Kunst war immer die Veränderung der Lebensverhältnisse.
Das Hinterfragen irrationaler Tabus und tradierter Wertmaßstäbe und
die Korrektur sozialer Bedingungen haben mit der Moderne und ihrer Verabschiedung
von religiös begründeten Autoritäten auch in der Kunst an Boden
gewonnen. Diese Funktion hat erstmals mit den russischen Konstruktivisten auch
praktische Vertreter gefunden. Gleichzeitig zum Machtwechsel in Russland 1917
wurde eine Kunst vorgestellt, die über Agitation und Aktivismus direkten
Einfluss auf das Bewusstsein und die Lebensumstände des Volkes nehmen wollte.
Damit wurde ein neues Kapitel in der Kunstgeschichte aufgeschlagen.
Mit dem Bauhaus wurde dieses Thema auch in Deutschland gepflegt. Wissenschaft,
Architektur, Technik und bildende Kunst arbeiteten einander zu, um möglichst
viele Bereiche des Lebens nachhaltig zu gestalten. Bücher und Plakate, Fahrzeuge,
Landschaften und Kleider nahmen neue, dem Zweck und der Ideologie entsprechende
Formen an, um dadurch beinahe selbstverständlich die jeweils veränderte
Lebensphilosophie zu etablieren. Jede formale Erneuerung der Welt, so dachten
die Künstlerinnen und Künstler damals, müsste auch eine kleine,
der Form entsprechende Einstellungsänderung nach sich ziehen.
Und tatsächlich hat es viele Jahrzehnte lang ausgesehen, als ließe
sich die Gesellschaft über die Veränderung der visuellen Umgebung, der
Seh- und Hörgewohnheiten, manipulieren. Noch bis in die Sechzigerjahre hat
diese Ansicht Freunde gefunden und die Frage, ob die Jugendrevolte damals von
der Rock- und Popmusik beeinflusst oder gar ausgelöst wurde, oder ob die
Musik ihrerseits lediglich Teil der Entladung einer längst aufgestauten Unzufriedenheit
war, sorgt bis heute in soziologischen Seminaren für Stoff. Rückblickend
sieht der Ansatz "Veränderung der sozialen Verhältnisse durch Veränderung
der Formen" ein wenig naiv aus. Freilich lassen sich über Formen die Einstellungen
und Gewohnheiten, Denkmuster und Wertmaßstäbe marginal beeinflussen.
Die ganze Werbebranche lebt von dieser These. Doch die ideologischen Prinzipien
der Menschen, ihre Weltanschauungen und Werte lassen sich über Farben, Klänge
und Formen nicht wirklich verändern. Kleider, könnte man sagen, machen
nur in romantischen Novellen Leute.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die "gesellschaftlich engagierte Kunst"
mehrere Höhepunkte. "Wir meinen zunächst, dass die Welt verändert
werden muss", heißt es zu Beginn des Situationistischen Gründungsmanifestes
Ende der Fünfzigerjahre. Ähnliche Ankündigungen und Aufforderungen
zu einem Wechsel in der Politik, der Sexualität, der Wirtschaft und in der
Kultur fanden sich bei zahlreichen Initiativen und Organisationen. Immer unter
ihresgleichen berieten die Lettristen und Aktivisten über die gründlichste
Methode der Zerstörung sämtlicher Traditionen, ständig auf der
Hut vor der eigenen Institutionalisierung. Was nach der Zerstörung kommen
sollte, war weniger wichtig, der Weg war das Ziel, der Konflikt mit der Hochkultur,
deren Ausdrucksformen unter dem Verdacht standen, von den wirtschaftlich Herrschenden
annektiert und gezielt eingesetzt worden zu sein. "Künstler, die sich
auf die Reservate ihres Fachbereichs zurückziehen, sind ebenso Funktionäre
der erstarrten Gesellschaft wie Facharbeiter und Aktenordner" druckte die Subversive
Aktion. Diese Aktivisten, die sich selbst als "Paraeliten" bezeichneten,
wollten das verwirklichen, was andere nicht einmal zu denken wagten. Und doch
hinterließen sie, mit einigem historischen Abstand betrachtet, nicht viel
mehr als Manifeste. Es blieb bei verheißungsvollen Absichtserklärungen
und Sprüchen. Allerdings: Die Methode der "Konstruktion von Situationen"
findet Nachfolger bis heute.
Gleichzeitig zu Situationisten und Lettristen entwickelte sich die Konzeptkunst:
Nicht mehr das Objekt, sondern die dahinter liegende Idee war das, was in der
Kunst zählen sollte. Sieht man von ersten Vorläufern wie dem österreichischen
Dichter H.C. Artmann in den Fünfzigern ab, war die erste wichtige Phase der
Konzeptkunst zur Zeit des Vietnamkriegs, der Ermordung von Martin Luther King
und Malcolm X. Es war die Zeit der Studentenunruhen, des kontinuierlichen Kampfes
um Bürgerrechte und des wachsenden Feminismus. Die generelle Infragestellung
von Wertmaßstäben und Autoritäten führte neben allerlei spaßigen
Ausprägungen und selbstreferentiellen "Kunstbetriebsanalysen" vor allem
zu einem deutlichen Interesse am Politischen. Von den "klassischen" Positionen
ausgehend, entwickelten deshalb die Post-Kozeptualisten ihre Formen der Auseinandersetzung
mit Rasse, Klasse, Nation und Geschlecht. Aber auch sie verharrten im traditionellen
Kunstkontext insofern, als sie lediglich über die üblichen Ausstellungs-
und Präsentationsmöglichkeiten ihre Anliegen vermittelten, – einem spezifischen
Kunstpublikum, das zum Großteil ohnehin ihre Ansichten teilte. Eifrig fotografierte
und inszenierte Stellungnahmen zu Rassismus, Feminismus oder Homosexualität,
wenn sie lediglich in den Kunsträumen zum Besten gegeben wurden, erreichten
immer dieselben Menschen, die sich nichtsdestotrotz gerne gegenseitig korrekte
Haltung bewiesen. Und doch muss dieses Kunstverständnis als wichtiger Wegbereiter
des politischen Aktivismus heute verstanden werden.
Auch die Aktionskunst leistete einen wesentlichen Beitrag auf dem Weg zum Aktivismus.
Ursprünglich als kathartische Befriedigung unerfüllter Triebwünsche
des Individuums gedacht und als Befreiung des Subjekts von konventionellen Zwängen,
wandelte sich der Aktionismus bald und erkannte die Ursache vieler individueller
und psychischer Probleme in gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten. Der Wunsch nach
Katharsis konnte oft nicht erfüllt werden, weil den Beteiligten die Sinnlosigkeit
jedes Urschreis bewusst wird, ganz gleich, aus welchen Tiefen er auch kommen mag,
wenn die sozialen Bedingungen keine Chance auf Verbesserung der subjektiven Befindlichkeit
bieten.
In den Siebzigerjahren endlich wurde die Forderung nach gesellschaftspolitischer
Relevanz von Kunst konkret in die Tat umgesetzt. Auf vielfältigste Weise.
Das alternative Fernsehprogramm Ulrike Rosenbachs sollte die Menschen von den
Monopolen der Medienzaren emanzipieren, Videotechnik wurde von Richard Kriesche
zur Rehabilitation behinderter Kinder eingesetzt – lange bevor die Medizin auf
diese Idee gekommen war –, Barbara Steveni und John Latham von der Artist Placement
Group trugen Verbesserungsvorschläge in der Erziehungspolitik an ihre
Regierung heran. Joseph Beuys definierte die Stellung der Kunst in der Gesellschaft
über den Begriff der Sozialen Plastik neu, Hans Haacke zeigte, wie
über Eingriffe politische Prozesse beeinflusst werden können, Klaus
Staecks Agitprop-Plakate dienten der Aufklärung über Zusammenhänge
von Wirtschaft und Macht, und Gruppen wie die Art Workers Coalition sagten
dem herkömmlichen Kunstbetrieb mit seinen rigiden Zulassungskriterien den
Kampf an.
Voller Euphorie und nicht ohne eine Portion von Selbstüberschätzung
(der Künstler als Seher, Schamane, Heilsbringer, revolutionärer Guru)
wollten diese Künstler und Künstlerinnen, so war man sich in avantgardistischen
Zirkeln einig, Beiträge zur Verbesserung des Zusammenlebens liefern: in der
Psychologie, der Soziologie, bei Heilmethoden oder im Strafvollzug. Die Avantgarde
wollte lebendige Orte für ihr Schaffen wählen, nicht mehr für die
Ewigkeit arbeiten und andere als die konditionierten Publikumsschichten ansprechen.
Zuletzt ging es dann aber nicht ohne die alten Institutionen. Die Museen, die
Kunstzeitschriften, die Galerien und Kunstschulen integrierten sämtliche
Formen sogenannter "Antikunst" geradezu spielend. Selbst die subversivsten
Formen des Aktionismus und des Neo-Dada wurden vereinnahmt, und
letztendlich blieben doch nur wieder Objekte. Relikte von Aktionen, Fotos und
Skizzen wurden zu Fetischen hochstilisiert und gehandelt. Für die meisten
Menschen damals – und das gilt bis heute – hat Kunst eben mit Werken zu tun. Sie
muss etwas sein, das sich sehen, angreifen und einpacken lässt. Alles andere
kann nicht verkauft, gesammelt und bewahrt werden.
Andere Qualitäten als die unmittelbar sinnlich wahrnehmbaren, die doch immer
an Objekte gebunden sind, wurden nur langsam aufgebaut. Immerhin gaben die Siebzigerjahre
einen Weg vor, wie sich die Kunst nach Verlassen der Mimesis, des Ausdrucksbedürfnisses,
der Abstraktionsvarianten und der Formfrage überhaupt weiter entwickeln könnte.
Mit Fluxus, mit Happenings, Performances und Aktionen, mit den ironischen
Varianten der Ready-Mades und mit der Konzeptkunst wurde ein tiefer Zweifel an
der Vorstellung deutlich, Kunst könne sich lediglich im Objekt festmachen.
Konzept und Idee, die hinter jeder materiellen Verwirklichung als die eigentliche
künstlerische Leistung – selbst beim Tafelbild – diskutiert wurden, gewannen
gegenüber einem Kunstbegriff, der sich lediglich im Material manifestiert,
an Boden. Und damit war natürlich auch der gesamte Komplex der Produktionsbedingungen
in Frage zu stellen.
Dann, in den Achtzigerjahren, schien alles vorbei zu sein. Sämtliche Erfolge
und Bemühungen sozialpolitisch engagierter Kunst wurden beiseite geschoben.
Immer wieder und mit wachsendem Erfolg wurde den Visionen eine Kunst ohne jeden
Zweck gegenüber gestellt. Es traten wieder die kontemplativen Funktionen
der Kunst in den Vordergrund und die Gegenstände, die zu ihr führen
sollten: die Kunstheiligtümer.
Der Umschwung kam gar nicht so sehr von der an Utopien weiterhin interessierten
Künstlerschar. Er kam auch nicht von der Kritik. Es war vielmehr jene mächtige
Szene, die Kunst weiter als Handelsware betrachten musste, weil sie über
diese Kunst ihren Unterhalt bestritt. Es war die große Schar von Spekulanten
und Sammlern, die ihre Felle und Leinwände davon schwimmen sah. Ihnen schlossen
sich konservative Kunstlehrer an, die alte, eingeübte Ansichten nicht ändern
wollten und all die Institutionen, die ihre Ausstellungshallen gerne wieder mit
Besuchern gefüllt hätten. Sie wollten der veränderten Kunstanschauung
nicht folgen. Lieber wählten sie die Variante der Wiederholung von hundertmal
Dagewesenem, und lieber packten sie weiterhin Waren ein und aus. Eine Kunst, die
demgegenüber nichts im Sinn hat, als ihr Potential zur Verbesserung missliebiger
Verhältnisse einzusetzen, war eben nicht geeignet, Rendite zu machen. Sie
konnte das ästhetisch anfällige Auge nicht entzücken, und sie konnte
keine Gefühle von Erhabenheit wecken.
Anders zur selben Zeit in Polen. Eine Aktionsgruppe, orange gekleidet, trat 1988
auf die Straßen und rief den regierenden General Jaruzelski per Megaphon
zum König aus. Das war kein plakativer Antikommunismus, sondern eine raffinierte
Strategie, mit der diese Künstler der Doppelmoral des Regimes auf den Leib
rückten. Sie proklamierten auch einen "internationalen Tag des Spitzels",
an dem sie zu hunderten mit schwarzen Brillen und hochgestelltem Kragen auftauchten,
Passanten anhielten und Pässe kontrollierten. Ein andermal sangen sie pathetische
Hymnen zum Lobe der roten Armee und verlasen das Orange Manifest des Sozialistischen
Surrealismus. In diesem Manifest wird der Polizist zum Kunstwerk erklärt,
als einzelner oder noch besser im formierten Rudel, das auf die Aktivisten losdrischt:
je wilder, desto Kunst.
Auch im Westen hielt die Phase der Selbstherrlichkeit marktorientierter Kunstproduktionen
nicht ewig an. Und in den Neunzigerjahren kam es dann auch tatsächlich neuerlich
zum Umdenken und zu einer Rückbesinnung auf die gesellschaftliche Verantwortung
der Kunst. Die in der Postmoderne zelebrierte Autonomie erwies sich als Popanz,
dem unzählige Paläste und Museumsneubauten errichtet wurden, der den
Händlern zwar zunächst schwindelerregende Umsätze, danach aber
auch Inflation und Einbußen bescherte. Mit realpolitischen Auseinandersetzungen
hatte diese Kunst nichts am Hut. Die Auswirkungen konservativer Wirtschaftspolitik,
der schleichende Sozialabbau, zunehmende Migrationskonflikte und die generelle
Unsicherheit nach dem Ende der Ost-West-Balance wurden nach dem Zusammenbruch
des Marktes und der Entauratisierung der Kunst daher wieder zu bestimmenden Faktoren
der Kunstproduktion. Seither entwickelt sich die bildende Kunst vor allem in zwei
Richtungen. In eine Kunst, die von Wirtschaftsinteressen und Quotendenken bestimmt
ist, die mit Spektakel Publikumsmassen anlockt – und in eine Kunst, die unabhängig
von Profiten und Populismen als Möglichkeit agiert, die gemeinsamen Lebensbedingungen
zu überprüfen und zu verbessern. Letzteres klingt ein bisschen altruistisch
und missionarisch. Zu altruistisch für die Kunst, die doch jenseits des alltäglichen
Krams so ganz frei und ungezwungen bleiben möchte. Und doch fällt immer
mehr Künstlerinnen und Künstlern die Entscheidung leicht, wenn angesichts
zahlreicher Funktionen von Kunst die Wahl nicht auf die Befriedigung von Freizeitbedürfnissen,
sondern auf eine Mitgestaltung des Zusammenlebens fällt.
Im Unterschied zu den Vorstellungen in den Siebzigerjahren geht es bei den heute
tätigen Aktivisten nicht mehr um die generelle Weltveränderung. Und
es geht auch nicht mehr um die gnadenlose Durchsetzung ideologischer Linien, wie
das Joseph Beuys mit der Umwandlung einer ganzen Gesellschaft in eine Soziale
Plastik im Sinn hatte, oder wie das die russischen Konstruktivisten machen
wollten, die Futuristen und viele andere Manifestanten der Moderne. Die aktivistische
Kunst am Ende des Jahrhunderts überschätzt sich nicht mehr. Aber sie
unterschätzt sich auch nicht. Sie trägt einen bescheidenen Teil bei.
Es wäre auch falsch, in einer Abwicklungsgesellschaft, der jede Grundsatzdiskussion
abhanden gekommen ist, gerade von der Kunst zu erwarten, dass Entscheidendes verändert
werden kann.
Und doch. Richtig dosiert, kann sie mehr verändern als angenommen wird. Sie
muss sich allerdings sehr konkreten Veränderungsstrategien widmen. In Krankenhäusern
den Patienten über künstlerische Gestaltung der Wände Genesung
wünschen, Asylanten österreichische Literatur vorlesen oder am Theater
die Mutter Courage im Kostüm einer Kosovo-Albanerin auftreten zu lassen,
sind nichts als nette Alibihandlungen des schlechten Gewissens. Die Serie könnte
fortgesetzt werden. Mit "Obdachlosenkunst" zum Beispel. Tania Mourad sprühte
mit Sand auf Fensterscheiben die Zeichen der Vagabunden "Hier gibt es Essen"
und "Hier wirkt eine gastfreundliche Frau". Und sie reichte konsequent Gratis-Croissants,
bevor sie wieder in ihr Alltagsleben zurückkehrte. Es gibt Rockmusik und
Texte zur Wohnungsnot, in denen sich "Mieternot" auf "Spekulantenbrot"
reimt, und es gibt einen Designer, den in New York lebenden Krzysztof Wodiczko,
der laufend Vehikel für die New Yorker Winers und Homeless entwarf. Auf Supermarktwagen
aufgebaute, utopisch anmutende Allzweckfahrzeuge, die Stadtstreicher vor sich
herschieben sollten, in denen sie Leergutflaschen stauen und die sich abends zu
einer Einmann-Schlafkoje aufklappen lassen. Der Ansatz Wodiczkos, er sucht nach
Lösungen innerhalb des Bestehenden, nicht nach Utopien, ist sicher bemerkenswert.
Und doch werden seine Wagen zuletzt nur in Museen präsentiert. Das lässt
den Verdacht der Benutzung sozialer Notstände zur Schaffung "wertvoller
Exponate" aufkommen. Dass sie von den Betroffenen tatsächlich verwendet werden,
ist gar nicht vorstellbar: Da ergeben sich allein schon ganz banale Abstellprobleme.
Die gesellschaftliche Erneuerung ist eine Aufgabe der Gegenwartskunst
nach der Kunst der Behandlung von Oberflächen. Es dürfte
die lohnendere Arbeit sein, vor den Oberflächen die tragenden
Konstruktionen zu verbessern. Die Chance dieser Kunst besteht allerdings
darin, dass sie der Gemeinschaft etwas bieten kann, das auch Wirkung
erzielt. Wenn etwa am Wiener Gürtel, statt vieler großer
Skulpturen aus Metall und Kunststoff, Holz oder Beton, die dort aufgestellt
werden hätten sollen, die dringendsten Anliegen der Prostituierten
wahrgenommen werden, die dort ihrer Arbeit nachgehen, um vielleicht
eine kleine Verbesserung ihrer sozialen Situation herbeizuführen,
dann wird der Unterschied zwischen einer privaten Geschmackskultur
und einer öffentlich sozialen Kunst deutlich. Anlässe und
Möglichkeiten für konkrete Eingriffe aus der Kunst sollten
nicht gleich mit moralisierendem Übereifer verwechselt werden.
Als Handlungsmöglichkeit beinhalten sie ein nicht zu unterschätzendes
politisches Kapital und stehen der traditionellen Bearbeitung von
Materialien in keiner Weise nach. Die Gruppe WochenKlausur geht von
dieser Funktion der Kunst und ihren historischen Wegbereitern aus.
Sie stellt sich präzise Aufgaben und versucht in zeitlich begrenzten
Intensiveinsätzen Lösungen für erkannte Probleme zu
erarbeiten. |
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