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Oft gestellte Fragen

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Was haben die WochenKlausur Projekte mit Kunst zu tun?

Kunst kann immer nur sein, was die Menschen wollen, dass sie sei. Das ist keine Frage des Konsens, es müssen nicht alle eine Vorstellung von Kunst teilen. Vielmehr finden sich die Menschen, die ein und denselben Kunstbegriff mehr oder weniger gemeinsam verwenden, in Gruppen. Sie finden sich über einen gemeinsamen Kunstbegriff, wie sie sich über ihre Anschauungen zu Fragen der Religion, der Moral oder der Politik finden. Versteht eine Gruppe unter "Kunst" den akademischen Begriff des frühen 19. Jahrhunderts, also die Beherrschung des Handwerks, die Idealvorstellung von einer verbindlichen Schönheit und die materiellen Kunstobjekte, kommt sie mit anderen ins Gehege, die umgekehrt die Prozesse statt der Werke als Kunst sehen wollen. Will eine Gruppe von der Kunst Zerstreuung und Spektakel, Erlebnisse und Ereignisse zur Auffettung der Freizeit, so steht sie im Widerspruch zu einer anderen Gruppe, die der Kunst Ehrfurcht, Andacht und Kontemplation entgegenbringt. Wieder ein anderes Verständnis von Kunst sieht so aus: genug konsumiert und genug gekniet. Es ist dies ein Verständnis, das sich mitverantwortlich fühlt für die sozialen, politischen und ökonomischen Bedingungen, in denen wir leben.

Wörter verändern ihre Bedeutung mit den Menschen, die sie verwenden. Die Bedeutung des Wortes "gemein" etwa hat sich im Laufe der Jahre pejorativ in ihr Gegenteil verwandelt. Ursprünglich mit Gemeinschaft assoziiert, hatte es eine soziale Bedeutung. Die vielfältigen Assoziationen zum Gewöhnlichen und Alltäglichen, also zu dem, was die Menschen eben gemeinsam haben, zum nicht gerade Außergewöhnlichen, Ordinären haben es zuletzt in ein Adjektiv verwandelt, das das Hinterhältige, Brutale und Asoziale bezeichnet.

Bedeutungsveränderungen müssen nicht einmal unabsichtlich vor sich gehen. Unter dem Wort "Baum" wird zwar seit längerem das gleiche verstanden, würde aber ein Poet in spaßiger Umschreibung den Telegraphenmast als Baum bezeichnen, die Umschreibung würde akzeptiert werden. Und wenn einige Leser das nachahmen und diese Umschreibung selbst verwendeten, und wenn zuletzt der Duden eine entsprechende Eintragung aufnähme (ugs.für: Telegraphenmast), dann wäre auch der Baum nicht mehr nur das, was er war.

Auch das Verständnis für ein Wort wie Kunst lässt sich beeinflussen. Es wird geradezu permanent beeinflusst. Es wird laufend neu "erarbeitet". Und mit jeder veränderten Bedeutung des Wortes ändern sich, beinahe beiläufig, auch die Funktionen von Kunst. Wenn also der amerikanische Philosoph Richard Rorty behauptet, Begriffe werden stets als Mittel für bestimmte Zwecke eingesetzt, stellt sich auch für die Kunst die Frage, wofür wird das Wort verwendet, wer bezweckt damit was?

Wird es zur Bezeichnung des Besonderen, vom Menschen geschaffenen Außergewöhnlichen verwendet, ist meist der Zusatz nicht weit, dass die Kunst mit den alltäglichen, gewöhnlichen Verhältnissen nichts zu tun haben sollte, dass sie verschont bleiben muss von der Realität, so wie auch sie umgekehrt die realen Verhältnisse verschont bleiben müsse. Demgegenüber gibt es seit Beginn des 20. Jahrhunderts Bemühungen, ein anderes Kunstverständnis aufzubauen. Seither gelten auch Aktionen, Ideen, Handlungen oder Prozesse, die sich mit den Verhältnissen, in denen wir leben, auseinandersetzen, als Kunst.

Und wie die traditionellen, materiellen Gegenstände, die ja zunächst auch keine Kunst per se sein können, ob Tafelbild oder Flaschentrockner, sondern durch spezielle Weihen dieses Prädikat erst verliehen bekommen, genauso können auch ganz normale Handlungen oder sozialpolitische Interventionen dieses Prädikat erhalten. Nach ihrer Präsentation im Kunstkontext und nach der Annahme des Antrags, sie mögen als Kunst anerkannt werden, mutieren diese Handlungen und sind plötzlich Kunst. Wenn etwa die medizinische Versorgung von Obdachlosen sichergestellt wird oder wenn Schubhaftbedingungen in einem Gefängnis verbessert werden, dann sind das Interventionen, die sich zunächst noch in keiner Weise von ähnlichen aktivistischen Handlungen außerhalb der Kunst unterscheiden. Kunst werden sie erst, wenn das von den Aktivisten eingefordert und von einer Gruppe bestätigt wird.

Natürlich stellt sich sofort die Frage, wer in der Gesellschaft bestimmt, was als Kunst anerkannt wird und welche Maßstäbe dafür angelegt werden. Ist es die Mehrheit? Sind es elitäre Zirkel oder "mafiose Experten", die sich alles untereinander ausmachen? Marcel Duchamp hat schon darauf hingewiesen, dass im Louvre genauso gut auch andere Bilder hängen könnten. Immerhin müssen irgendwelche bestimmende Kräfte wirken, denn, obwohl alles Kunst sein kann, ist doch nicht alles Kunst. Offensichtlich gibt es Vorstellungen und Kriterien im Hintergrund, die bestimmend wirken und dafür verantwortlich sind, was zuletzt anerkannt wird.

Für das Kunstwerden sind offenbar mächtige Institutionen wie Museen, Schulen und Medien maßgebend. Die Wirtschaft hat Einfluss, die Politik und die Wissenschaft. Diese Kräfte machen einen Gutteil der Definitionsmacht von Kunst aus. Es wäre also naiv, die künstlerische Arbeit der WochenKlausur einfach als solche, also ohne ihre Verankerung in den institutionellen Mechanismen zu denken. Jede Kunst bleibt solange ein völlig harmloser Rohstoff, bis sich dieser Mechanismus seiner annimmt und eine Meinung über ihn zirkulieren lässt.


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Gibt es im Aktivismus so etwas wie künstlerische Qualität?

Da es keine allgemeingültigen Normen für Kunst gibt, kann es auch keine absolute "künstlerische Qualität" geben. Qualität muss immer als Ersatz herhalten, wenn keine allgemeingültigen Kriterien für "gute Kunst" genannt werden können, stillschweigend aber doch an ihnen festgehalten wird. Qualität braucht – wie die Kunst selbst – Kriterien.

Für die Kunst der Intervention ist es leicht, Qualitätskriterien einzurichten. Es ist jedenfalls einfacher, für eine Kunst Kriterien zu nennen, deren erklärtes Ziel es ist, konkrete Verbesserungen im gesellschaftlichen Zusammenleben herbeizuführen, als für eine traditionelle Kunst, deren Qualitätsurteil solange subjektiv bleibt als alle Wertmaßstäbe fehlen. Die Qualität der Arbeit der WochenKlausur lässt sich anhand ihrer Ergebnisse im Vergleich zur angekündigten Absicht erkennen. Sie ist geradezu messbar und mit ähnlichen Ansprüchen innerhalb und außerhalb der Kunst zu vergleichen. Ob ein Projekt gelungen ist, lässt sich jedenfalls leichter feststellen, als die Frage, ob ein Bild gefällt oder nicht.

Gerade die Effizienz ist mit bestimmten Vorstellungen im Kunstbetrieb nicht leicht zu korrelieren. Denen zufolge hat Kunst eher etwas mit Genialität zu tun. Mit einem Wurf, der die herkömmlichen Standards und die gesellschaftlichen Maßeinheiten geradezu sprengt. Die aktivistische Kunst der WochenKlausur entspricht diesen Vorstellungen von künstlerischer Qualität wenig. Sie möchte durch konzentrierte Arbeit zu Ergebnissen kommen, die durchaus mit Einfallsreichtum und Kreativität erreicht werden. Im Unterschied zur herkömmlichen Kunst, die jedes Ergebnis als Erfolg prasentieren kann, muß die Interventionskunst die Absicht des Projekts zu Beginn der Arbeit aber festlegen.

Wenn keine gemeinsamen Vorstellungen von Kunst zugrunde liegen, können Qualitäten gar nicht gegeneinander abgewogen werden. Will jemand über zwei Meter springen, wird seine Leistung daran gemessen, ob er es geschafft hat und nicht, wie schön oder wie weit er gesprungen ist. Ob Kunst Qualität hat, hängt lediglich davon ab, ob sie bestimmten, vorher festgelegten Kriterien entspricht.


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Was an den aktivistischen Interventionen ist die Kunst: das Ergebnis, der Prozess, die Idee?

In der traditionellen Kunst wurden Materialien geformt und verändert. Marmor, Leinwand, Farben und andere Stoffe waren die Grundlage jeder Formgebung. Sie halfen den Künstlern, ihren Vorstellungen Gestalt zu geben. Anstelle dieser materiellen Grundlagen sind in der aktivistischen Kunst die sozialpolitischen Verhältnisse getreten, die, ähnlich den formalen Gestaltungen der alten Substanzen, verändert werden. Wie beim Marmor oder der Malfläche auch, sind diese realen Grundlagen natürlich nicht beliebig formbar. Um sie verändern zu können, müssen, genauso wie bei traditionellen Materialien, die Grenzen ihrer Veränderbarkeit erkannt werden. Das bedeutet, die Latte der angestrebten Veränderung darf nicht zu hoch liegen. Sie muss hoch genug liegen, um überhaupt bemerkt zu werden, zugleich aber auch tief genug, um übersprungen zu werden. Die Kunst besteht also darin, eine erkennbare und sinnvolle Veränderung anzupeilen und sie auch herbeizuführen. Beispielsweise könnte sich eine Künstlerin vornehmen, eine Einbahnregelung in ihrer Straße aufzuheben, weil sie deren Sinnlosigkeit erkannt hat. Sie wird sich anstrengen und alles unternehmen, um ihr Vorhaben zu verwirklichen, so wie sich der barocke Malerfürst bemüht hat, sein Vorhaben, das Deckenfresko im Dom, zu verwirklichen, unabhängig davon, ob er selbst Hand angelegt hat oder nicht.


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Warum muss eine gesellschaftspolitische Interventionen Kunst sein? Kann sie nicht einfach das bleiben, was sie ist?

Warum muss ein Fettstuhl von Beuys Kunst sein? Warum die Polyesterfiguren des Duane Hanson, die über hundert Jahre nach Madame Tussauds Wachsfiguren auch nichts anderes sind als hyperrealistische Menschendarstellungen? Warum muss ein schwarzes Quadrat Kunst sein, das genauso von einem Anstreicher als Farbprobe angefertigt wird oder eine Kinderzeichnung Paul Klees, die nicht anders aussieht als viele Kinderzeichnungen außerhalb der Kunst?

Natürlich. Ein sozialpolitischer Prozess kann auch kunstlos bleiben. Überall auf der Welt und zu allen Zeiten wurden Projekte und Werke erfolgreich abgeschlossen, ohne mit dem Kunstgedanken auch nur zu spekulieren. Menschen haben sich immer wieder Lösungen einfallen lassen, auch wenn es darum ging, anderen zu helfen, ohne auf den Kulturseiten auch nur erwähnt zu werden. Dem Heimleiter Gregor Hilvary zum Beispiel, der sich ein originelles Bettgehersystem ausgedacht hat, um Flüchtlinge vor der Abschiebung zu bewahren: Ihm wurde keine Kunstprofessur angetragen für seine Leistung. Nicht einmal öffentlich erwähnt durfte sein Einsatz werden, um die Durchführung seiner Absicht nicht zu gefährden. Wozu also Kunst?

Erstens. Mit jedem gelungenen Projekt, das als Kunst anerkannt wird, gewinnt der soziale Eingriff in bestehende gesellschaftliche Verhältnisse an Bedeutung. Das Wort "sozial" wird dann im Sprachgebrauch wieder ein klein wenig positiver verstanden und verwendet. So wie bestimmte "Ekelmaterialien" durch die Kunst plötzlich salonfähig gemacht werden konnten, können auch soziale Handlungen durch ihre Aufwertung im Kunstkontext den Nimbus des Bemühten oder des penetranten Helfersyndroms wieder abbauen.

Zweitens hilft der Mythos "Kunst", wenn es darum geht, einer Absicht – zum Beispiel im politischen Bereich – zum Erfolg zu verhelfen. 1989 beispielsweise entwarf die Künstlerin Patricia L. A. Paris eine Lichtinstallation. Eine lange, viel zu dunkle Unterführung in Whitechapel, Treffpunkt des Bösen und aller Halsabschneider in London, sollte mit vier Flutern ausgeleuchtet werden. Die Künstlerin gewann mit dem Entwurf tatsächlich einen Wettbewerb, konnte die Installation aber leider nie ausführen, weil die Gemeinde kurz vor dem geplanten Aufbau die Unterführung selbst ausleuchtete. Bei der Gelegenheit wurden dann natürlich auch gleich Müll und Taubenleichen weggeräumt. Frau Paris war erbost. Die geplanten Fluter hatten ihren Zweck verloren, und sie zog das Projekt zurück. Und doch war es ihre Idee gewesen, die Unterführung besser auszuleuchten. Ihre Absicht war sogar verwirklicht worden und hatte den gewünschten Erfolg, wenngleich sie dazu nichts anderes beigetragen hat, als die Planung ihres Kunstwerks. Mit Hilfe ihrer Kunst wurden Verantwortliche zum Handeln genötigt.

Das hätte sie vielleicht auch als gewöhnliche Bürgerin geschafft. Sie hätte dann bloß, wie achtzig andere vor ihr auch schon, einen Antrag auf bessere Beleuchtung einbringen müssen. Mit Formular, Ordnungszahl und Gebühren. Und Monate danach hätte sie dann einen Brief erhalten, mit dem darauf hingewiesen wird, dass die Umstände es im Augenblick nicht gestatten...

Drittens. Über die spannendste Sozialarbeit berichten die Medien weniger gerne als über das langweiligste Kulturgeschehen. Deshalb nutzt die WochenKlausur, wo es geht, diese Medien. Über Zeitungsartikel und Radiobeiträge kann auf Entscheidungsträger Druck ausgeübt werden. Es hat der WochenKlausur beispielsweise geholfen, dass der Kulturredakteur einer Wiener Radiosendung eine Liveschaltung zur Stadträtin legte und nachfragen konnte, warum denn der Arzt für ein Projekt zur medizinischen Versorgung von Obdachlosen nicht finanziert wird, wo das doch ganz im Sinne einer sozialdemokratisch regierten Gemeinde sein müsste und wo noch dazu von den Künstlern alles bereits arrangiert worden wäre.

Viertens. Die Erfahrung der abgeschlossenen Projekte zeigt, dass eine unorthodoxe Vorgangsweise in manchen Bereichen Nischen eröffnet und brauchbare Lösungen anbietet, die mit den herkömmlichen Denkansätzen und Methoden etwa in der Wissenschaft, im Sozialwesen oder in der Ökologie sonst nicht erkannt worden wären. Wenn beispielsweise beim Projekt zur Verbesserung des Wohlbefindens in einer Schulklasse die österreichischen Normen zum Schulbau von der WochenKlausur kurzerhand ignoriert worden waren, weil sie den Anforderungen der Schüler absolut nicht gerecht wurden, dann ist das eine Vorgangsweise, die von Architekten und Raumausstattern, den Fachleuten also, nie ausprobiert worden war. Die Experten müssen sich nämlich, um in ihrem Beruf keine Nachteile zu bekommen, an die bestehenden Vorschriften halten, selbst wenn diese ganz offensichtlich widersinnig sind.

Kommunale Einrichtungen und soziale Institutionen sind gelegentlich überfordert. Anstehende Aufgaben bleiben dann unbearbeitet. Ungelöst trotz naheliegender Lösungsmöglichkeit bleiben manche Probleme aber auch, wenn die zuständigen Stellen befangen sind, wenn parteipolitische Raison, übergeordnete Ziele, finanzielle oder zeitliche Engpässe vorliegen oder wenn Kompetenzstreitigkeiten, Sachzwänge und hierarchische Instanzen im Wege sind. Manch ein Mangel kann überhaupt erst von außen erkannt werden. Über gewisse Freiheiten, die ihr mittlerweile zugestanden werden, eröffnet sich für die Kunst hier ein Bereich, der diese Mängel kodifizierter Politik formulieren, und deren Behebung paradigmatisch vorführen kann. Aber die Möglichkeit der Kunst, ein Problem unkonventionell, naiv und frisch anzugehen, ist im Prinzip die Möglichkeit eines jeden, der von außen an ein Problem herantritt.

Manchmal, wenn an einer Problemlösung allzu lange gearbeitet wird, werden durchschnittliche Schwierigkeiten zu unüberwindbaren Aporien. Ein Beispiel: Nachdem die WochenKlausur im Zusammenhang mit einem Projekt zur medizinischen Versorgung Obdachloser von der Stadt Wien eindringlich auf die Schwierigkeit hingewiesen worden war, einen Arzt für eine solche Tätigkeit zu finden, und nachdem die Stadtverwaltung auch über die jahrelangen, erfolglosen Bemühungen in dieser Richtung berichtete, schien dieses Hindernis für die Gruppe unüberwindbar. Wie sollte von den Künstlern so ein Arzt gefunden werden, wenn die Gemeinde schon seit Jahren ohne Erfolg auf der Suche war? Die Gruppe probierte es trotzdem und gab eine Annonce in den einschlägigen Ärztezeitungen auf. Mit Erfolg. Dreißig seriöse Bewerber meldeten sich innerhalb weniger Tage. Trotz der umfangreichen Bemühungen seitens der Gemeindeverantwortlichen war offenbar niemand auf die Idee gekommen, eine einfache Anzeige in einem Fachmagazin aufzugeben.

Was unvermittelt zur Psychologie der Künstler führt und zu den Fähigkeiten, die sie von anderen unterscheiden. Zunächst unterscheiden sich Künstler von anderen gar nicht. Dann aber doch zumindest in ihrer Entscheidung, Künstler zu sein. Gelegentlich stehen hinter dieser Entscheidung basale Gründe. Fragt man – wenig psychoanalytisch – welche das wären, ergibt sich eine reiche und unbrauchbare Palette. Dass Künstler durch Sensibilität früher als andere merken, wohin Trends ziehen, dass sie die Fähigkeit besitzen, Interesse auf Probleme zu lenken, wo andere keine sehen, dass sie in bestimmten Bereichen feiner differenzieren, Themen erfinden, die Aufmerksamkeit erregen und ähnliches.

Das alles kann nicht wirklich nachgewiesen werden. Doch zieht die Worthülse Kunst immerzu wie ein Magnet unkonventionell denkende Geister an und unangepasste Kräfte, die sich nicht leicht einordnen wollen in einen geregelten Arbeitsablauf, in eine programmierte Berufskarriere mit Pensionsdenken und Sicherheitsnetzen.

Für die Konzeption und Durchführung sozialpolitischer Programme bedarf es nicht unbedingt der Kunst. Schließlich gibt es dafür auch manch andere ausgebildete Fachkräfte mit ähnlichen Aufgaben. Doch warum eigentlich wirft niemand den Herausgebern von Zeitungen vor, sie mögen Politik den Politikern überlassen?

In der Tat gibt es keinen Grund, warum Künstler bessere Ideen und Lösungsstrategien haben sollten. Umgekehrt gibt es allerdings auch nicht viele Gründe, warum solche Eingriffe von Künstlern – wie von allen anderen Menschen auch – nicht durchgeführt werden sollten, wenn sie doch effizient sind. Die Übernahme von Verantwortung über tradierte Zuweisungen und Arbeitsteilungen hinweg kann zur Pflichtübung werden, wenn ganz offensichtliche Mängel anstehen, deren Beseitigung keines jahrzehntelangen Studiums und keiner einschlägigen Praxis bedürfen. Wenn diese Übungen in den Kunstinstitutionen von Kunstschaffenden durchgeführt werden und wenn sie von einer Gemeinschaft als Kunst anerkannt werden, sind sie Kunst.


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Hat die äußere Form, das Erscheinungsbild für die aktivistische Kunst überhaupt noch eine Bedeutung?

Dass der Hundekamm zur Kunst geworden ist, erklärt sich nicht aus seiner formalen Beschaffenheit. Die Form mag für die Verleihung des Kunstprädikates historisch eine große Rolle gespielt haben, heute ist sie von tertiärer Bedeutung. Wenn formale Diskussionen notwendig sind, dann immer nur im Zusammenhang mit einer Funktion. Es ist trivialerweise besser, in einem Büro zu arbeiten, das eine angenehme Atmosphäre ausstrahlt. Und es ist auch sicher wirksamer, eine Grafik übersichtlich und ansprechend zu gestalten.


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Werden nicht soziale Themen in die Kunst lediglich deshalb eingebracht, weil alle anderen ausgereizt sind?

Wie kein anderes Gebiet in der Kultur hat sich die bildende Kunst selbst abgeschlossen. Sie ist sich ihrer unendlichen Ästhetisierungsmöglichkeiten bewusst geworden und hat sämtliche avantgardistische Strategien durchgespielt. Es ist wie mit dem Spaß, der sich selber lizitiert und in vielfältigen Varianten, immer lustiger werdend, irgendwann kollabiert.

Nach all der Augenweide in der Kunst lässt sich also ganz ohne Betroffenheitsgetue feststellen, dass angesichts realer Härtefälle diese Form der Lust in der Kunst eitel geworden ist. Eine Kunstdebatte, die sich im wesentlichen als Pausenlektüre zwischen zwei politischen Unverschämtheiten, etwa zwischen dem Schengen-Abkommen und dem Abbau der Pflegschaftsgelder abspielt, ist nichts als eine Kravattennadel am Hemd gutsituierter Bürger.


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Kann die WochenKlausur als Teil des Kunstbetriebs diesen kritisieren?

Die Intention der WochenKlausur ist eine doppelt politische. Zum einen wird mit jedem Projekt ein kleiner, konkreter Beitrag zur Veränderung der Gesellschaft geleistet. Weil es sinnvoller erscheint, bescheiden aber konkret Einfluss zu nehmen auf die bestehenden Verhältnisse als nur über sie zu sprechen oder anderswie Kritik zu üben.

Zum anderen geben all diese Projekte Zeugnis für eine Möglichkeit der Kunst, in das reale Geschehen einzugreifen. Dadurch kann sich die Vorstellung von Kunst generell verschieben. Und diese Verschiebung der Kunst in den realpolitischen Handlungsraum sollte sich in Summe – also über die Projekte der WochenKlausur hinaus – auch in der Veränderung des Kunstbetriebs bemerkbar machen. Die Intention der WochenKlausur besteht genau darin: Gelingt es, die Akzeptanz für eine Kunst zu sichern, die Handlungsfelder eröffnet, dann wird damit der gängige Kunstbegriff erschüttert. Diese Vorgangsweise erreicht mehr als jede polemische Opposition oder das Emigrieren in andere Disziplinen.

Die WochenKlausur arbeitet bewusst innerhalb des Kunstsystems. Soll sich dieses Kunstsystem verändern, müssen die gängigen Spielregeln, die es determinieren, vorerst akzeptiert werden. Sie lassen sich nicht radikal ändern, sondern nur scheibchenweise. Zu radikale Änderungen verhindern die Kontinuität zu bisherigen Kunstvorstellungen und damit die gemeinsame Verwendung des Kunstbegriffs. Erst der Anspruch, das Wort Kunst für viele verständlich und doch in seiner Bedeutung abgewandelt zu verwenden, lässt eine Verschiebung des Kunstbegriffs zu.

Die Veränderung der künstlerischen Handlungsmöglichkeiten ist das eigentliche politische Ziel der WochenKlausur und vieler aktivistischer, interventionistischer und littoralistischer Kunst heute. Verändert sich der Kunstbegriff, so verändert sich auch der Kunstbetrieb. Durch Polemiken, Agitation und Kritik allein bewegt sich nichts, dazu ist das System zu selbstreferentiell.

Auch durch Verweigerung ändert sich nichts. Konsequent verzichten heute viele Menschen auf diesen Kunstbetrieb. Sie räumen das Feld und widmen sich anderen Aufgaben außerhalb der Kunst. Doch diese Verweigerung stärkt die traditionellen Verhältnisse lediglich. Sie stärkt sie, weil jene Kräfte verloren gehen, die die Verhältnisse gerne verändert hätten. Das war einer der Fehler, der in den Siebzigerjahren nicht erkannt wurde. Wie die Abgeordneten einer Oppositionspartei, die aus Gram über ihre Ohnmacht den Saal verlassen, gelegentlich Stimmung, gleichzeitig aber auch das Abstimmungsergebnis nur noch eindeutiger machen, so bewirkt das Verlassen des rigiden Kunstbetriebs lediglich dessen Stärkung.

Nur durch eine konsequente Praxis, die mit einem veränderten Kunstbegriff operiert, lässt sich der alte Kunstbetrieb erneuern. Der gängige Kunstbetrieb stützt sich beispielsweise immerzu auf den alten Werkcharakter: auf Originale und Wertgegenstände. Die wirksamste Kritik an dieser Haltung ist die ständige Protegierung eines neuen Kunstbegriffs, der auch ohne materielle Kunstwerke auskommt. Wird er nicht von den in der Kunst Agierenden entwickelt und gewollt, macht auch die Attacke des alten wenig Sinn. Die Veränderung des Kunstbegriffs ist also nur möglich, wenn die Kunst von sich aus ihre Regeln und ihre Praxis ändert. Die Sache verhält sich ähnlich zur Abstimmung der Schweizer Männer über das Wahlrecht der Schweizer Frauen vor einigen Jahren. Wollen die Männer nicht, dass die Frauen wählen, dann dürfen diese nicht wählen, selbst wenn deren Beteiligung ein anderes Wahlergebnis gebracht hätte.

Sieht die Kunst also von sich aus nicht ein, dass ihre Regeln und Definitionen nicht mehr zeitgemäß sind, dann bleibt alles wie es war. Die Veränderung des Kunstbegriffs ohne Zustimmung der in der Kunst Tätigen ist nicht möglich, auch wenn diese Veränderung natürlich eine ganz andere Grundpopulation hätte, die für den Begriff verantwortlich wäre.


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Enthebt die WochenKlausur den Staat nicht seiner sozialen Verpflichtungen? Tragen die Interventionen nicht zur Stabilisierung der Verhältnisse bei, indem sie lediglich Symptome bekämpfen?

Zweifelsohne gibt es Probleme, deren scheinbare Lösungen Folgeprobleme nach sich ziehen, die noch schlimmer sind als die ursprünglichen. Die Kritik, es könnten von der WochenKlausur lediglich Symptome bekämpft und unsichtbar gemacht werden, wo der Staat Handlungsbedarf gehabt hätte, grundlegende Verbesserungen zu bewirken, ist berechtigt.

Und doch übersieht sie zweierlei. Erstens werden die meisten Kunstinstitutionen, die die WochenKlausur einladen, aus öffentlichen Geldern finanziert. Öffentliche Verpflichtungen werden also ohnehin eingelöst, wenn mit diesen Geldern Verbesserungen herbeigeführt werden, wie weitreichend sie auch sein mögen.

Zweitens gibt es außer der Gefahr der Symptombekämpfung eine noch größere Gefahr. Sie besteht darin, dass manchmal weder die Symptome noch deren Ursache bekämpft werden. Das ist immer dann der Fall, wenn allzu lange die Wurzel des Übels gesucht wird, angesichts der Ohnmacht gegenüber dem riesigen Wurzelballen, dessen Verzweigungen in ihrer gesamten Reichweite aber gar nicht abgeschätzt werden können, aber nichts gegen sie unternommen wird.

Alle Probleme können auf grundsätzlichere zurückgeführt werden. Die Überzeugung, eines Tages werde es möglich sein, das Grundsätzliche schlechthin zu verändern, wenn nur diese kleinen Hilfsmaßnahmen diesen Tag nicht hinauszögerten, bleibt also eine Illusion, die kleine Schritte verhindert. Die Ohnmacht, an bestehenden Verhältnissen konkret etwas verändern zu können, veranlasst manche, den angenehmeren Weg zu wählen und nichts zu tun. Die Verhältnisse ähneln denen politischer Wahlen zur Volksvertretung. Die einzelne Stimme bewirkt nicht viel und könnte daher getrost unterbleiben. Würden sich alle nach dieser Überlegung zurücklehnen und nicht zur Wahl gehen, wäre es mit der Demokratie vorbei.

Das lässt sich anhand der Probleme eines Rollstuhlfahrers zeigen. Wenn er die Treppe nicht hoch kommt, weil kein Lift da ist, dann kann ihm geholfen werden, indem zwei starke Arme anpacken. Damit allerdings bekäme die Kritik Nahrung, dass eine generelle Lösung des Problems verzögert wird. Der Hausbesitzer sieht, das es auch ohne Lift geht und spart die Kosten. Demnach wäre es also besser, den Rollstuhlfahrer an der Treppe zurückzulassen und anstelle der Hilfsmaßnahem eine politische Forderung zu erheben. Oder ihm wird geholfen, und gleichzeitig wird die Forderung nach einem Lift gestellt. Die agitatorische Kunst macht es sich manchmal ein bisschen einfach, indem sie nur anprangert. Jede erfolgreiche konkrete Verbesserung hingegen dient als Argumentationshilfe zur Unterstützung genereller politischer Forderungen.

Im Schutz des Wohlstandes ist es einfach, für eine generelle Systemänderung einzutreten, und kleine Schritte abzulehnen, weil sie "die Verhältnisse nur stützen, die zum Überlaufen kommen müssen, damit etwas passiert". Diese "Overflooding Theorie" hat noch selten zum Erfolg geführt. Wenn erst auf eine Katastrophe gewartet werden muss, damit sich alles zum Guten wendet, könnte sie am St. Nimmerleinstag zu spät kommen.


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Welche Widerstände hat die WochenKlausur seitens jener Berufsgruppen erfahren, die traditionell mit ihren Handlungsfeldern in Zusammenhang gebracht werden, mit der Politik, der Sozialarbeit? Wie sieht die Akzeptanz seitens des Kunstbetriebs aus?

Es sind tatsächlich weniger die Fachspezialisten der Bereiche außerhalb der Kunst, die Angst haben, es könnte ihnen ins Handwerk gepfuscht werden. Es war und ist vielmehr die eigene Zunft, die sich bedroht fühlt. Die Kunstszene macht sich Sorgen, Kunst könnte sich überhaupt auflösen, wenn sie sich auf das realpolitische Terrain begibt. Sie könnte durch eine Akzeptanz politisch aktivistischer Kunst ihre alten, gesellschaftlich sanktionierten Trampelpfade auf Nimmerwiederfinden verlassen, die ja angenehm priveligiert sind, wenn sie auch nicht unbedingt irgendwo hinführen. Die Kunstgemeinde hatte und hat also Angst um ihre Identität und um ihre Existenz.

Doch warum sollte sich ein Begriff nicht auch auflösen dürfen? Ist er wichtig, wird er weiterbestehen. Ist er obsolet, macht es wenig Sinn, ihn um seiner selbst Willen zu stützen. Die Angst ist ohnehin unbegründet. Sie verrät lediglich ein konservatives Festhalten an elitären Privilegien. In diesem Jahrhundert hat es zahllose vergebliche Versuche zur Verabschiedung des manifesten Kunstbegriffes gegeben. Als es noch leicht war, mit "Neuem" zu schocken, wurde der Kunstbegriff auf Alltägliches oder Technoides, auf Ekelerregendes oder Verbotenes ausgeweitet. Die meisten dieser Versuche wurden zuletzt von den traditionellen Kunstvorstellungen aufgesaugt und sind erfolgreich im Museum gelandet, von der Geschichtsschreibung gewissenhaft gewartet. Von der Auflösung des Kunstbegriffs kann auch heute keine Rede sein. Eher von seiner Veränderung. Und die kann ihm nur gut tun.



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