Seit 1993 verfolgt die WochenKlausur das Ziel, gesellschaftspolitische Defizite mit kreativen Strategien zu verringern. Jenseits formaler Lösungen wird Kunst als Möglichkeit zur Gestaltung und Verbesserung des Zusammenlebens verstanden.
Kunst kann Macht repräsentieren, Identitäten stiften oder die Freizeit bereichern. Sie überträgt Emotionen, vermehrt Erkenntnisse oder wird zum Gegenstand finanzieller Spekulation. Eine ihrer Funktionen war und ist die Gestaltung von Lebensverhältnissen. Bereits 1917 stellte sich mit dem russischen Konstruktivismus die Frage, warum innovatives Denken und unkonventionelle Handlungen nicht auch zur Verringerung gesellschaftlicher Defizite beitragen sollten?
Jahrhundertelang im formalen Glasperlenspiel wirksam, verlässt die Kunst seither ihre traditionellen Repräsentationsräume und greift in die gesellschaftliche Realität direkt ein. Die Künstlerin Ulrike Rosenbach stellte den Monopolen der Medien ein alternatives Fernsehprogramm entgegen. Richard Kriesche entwickelte eine Videotechnik zur therapeutischen Verbesserung der Gehleistung beeinträchtigter Kinder, lange bevor die Medizin Ähnliches entwickelte. Die Artist Placement Group erarbeitete Verbesserungsvorschläge zur Bildungspolitik, der Künstler Hans Haacke dokumentierte dubiose Immobiliengeschäfte und für Joseph Beuys war jede gesellschaftsverändernde Aktivität eine „soziale Skulptur".
Die Möglichkeit über Kunst Segmente der Gesellschaft zu verändern wird als Arte Útil (Tania Bruguera), Dialogical Aesthetics (Grant Kester), Littoral Art (Bruce Barber, Ian Hunter), mehrheitlich aber mit der Bezeichnung Socially Engaged Art oder Social Practice in the Arts beschrieben.
Aus diesem Potenzial und seinen historischen Wurzeln speist sich das Kunstverständnis der WochenKlausur. In zeitlich begrenzten Intensiveinsätzen stellt sie sich präzise Aufgaben und versucht Lösungen für erkannte Probleme vor Ort zu erarbeiten.
Wie der Name WochenKlausur ausdrückt, setzen die Projekte den vollen Einsatz eines Teams in einem begrenzten Zeitraum von mehreren Wochen voraus. Der knappe Zeitrahmen konzentriert Energien, die normalerweise auf Monate verteilt werden und erzwingt eine rasche Verwirklichung der geplanten Intervention. Voraussetzung ist die Einladung einer Kunstinstitution, die ein Budget und den infrastrukturellen Rahmen zur Verfügung stellt. Danach liegt es an der Gruppe, sich über die lokalpolitischen Gegebenheiten zu informieren und nach eingehender Recherche ein entsprechendes Projekt vorzuschlagen.
Zu dessen Umsetzung bedarf es durchdachter, oft raffinierter Strategien oder unorthodoxer Herangehensweisen. 1997 beispielsweise, in der oberösterreichischen Gemeinde Ottensheim, hatte die Gruppe ein Beteiligungsmodell für kommunalpolitische Vorhaben entwickelt. Für das Vorhaben, eine Skaterbahn zu bauen beispielsweise, wie sie von den Jugendlichen herbeigesehnt und vom Gemeinderat befürwortet worden war. Ohne Umsetzung. Dafür fehlte die Einigung über den Standort. Strategisch durchdacht, stellte die WochenKlausur kurzerhand eine provisorische Holzrampe mitten im historischen Ortskern auf. Und bereits drei Tage danach verkündete der Bürgermeister den tatsächlichen Standort am örtlichen Donaugelände.
Trickreiches Vorgehen war auch gefragt, als es beim ersten Projekt in Wien darum gegangen war, die kontinuierlichen Kosten für das medizinische Personal einer mobilen Ambulanz zu sichern. Der vorgegebene Zeitrahmen der Intervention hatte sich ohne Finanzierungszusage seitens der zuständigen Stadträtin bereits dem Ende zugeneigt, als es mit Unterstützung eines von der Gruppe angefragten Korrespondenten der Zeitschrift „Spiegel" in letzter Minute gelang, eine Zusage abzuringen. Der Journalist wollte zwar keinen Artikel verfassen, auf Ersuchen der WochenKlausur gab er aber vor, zum Projekt zu recherchieren. Und aus dem Bedenken, der „Spiegel" könnte negativ berichten, sagte die Stadträtin das Budget für ein Jahr ihm gegenüber zu. Der medizinische Versorgungsbus fährt heute noch.
Begonnen hat es 1993. Für die Ausstellungsdauer von elf Wochen hatte Wolfgang Zinggl acht junge Profis in die etablierte Wiener Secession eingeladen, die neben der Kunst auch in jeweils einem anderen Bereich tätig waren. Mit einer Klausur wollte er auf ein ortsspezifisches Problem reagieren, auf das Defizit der medizinischen Versorgung Obdachloser. Es war der Beginn einer anhaltenden Zusammenarbeit. Aus der erfolgreichen Initiative entstand die WochenKlausur. Im Jahr darauf schuf die Gruppe auf Einladung der Shedhalle Rückzugsräume für drogenabhängige Sexarbeiterinnen in Zürich, in Civitella d’Agliano gründete sie ein Altenzentrum mit Bocciabahn, in Graz konnte sieben Geflüchteten zum legalen Aufenthalt in Österreich verholfen werden und mittlerweile wurden in alternierender Besetzung mehr als 45 Projekte verwirklicht. In Berlin, Venedig, Porto, Fukuoka, Den Haag, Stockholm, Chicago u.v.a.
Die Kerngruppe besteht aus fünf Mitgliedern, aber insgesamt waren wohl an die hundert Künstler und Künstlerinnen beteiligt.
1976 – 2002
Die WochenKlausur bedankt sich mit großem Respekt und unendlicher Traurigkeit bei Pascale Jeannée, die an allen Projekten seit ihrem Beitritt 1995 mitgearbeitet hat. Sie war das Zentrum der Gruppe. Bei der Vorbereitung zur Intervention in Stockholm verstarb sie völlig unerwartet an einer Herzmuskelentzündung.
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